Was mich in Australien bewegt hat – zwischen Naturerfahrung, Begegnungen, dem Entdecken indigener Stimmen und einem tieferen Verständnis von Dragon Dreaming.
👉 Direkt zu den Songlines springen? Lies ab dem Abschnitt: „Zugang zu altem Wissen“
🌿 Unterwegs in Australien
Im Januar und Februar war ich nach vielen Jahren wieder in Australien – einem Land, das mir in manchen Dingen erstaunlich vertraut erscheint: in seiner Struktur, der Ordnung, der Sauberkeit. Und doch irritiert mich etwas daran. Vielleicht, weil das Menschengemachte nicht immer verwoben scheint mit der starken, präsenten Natur, die alles umgibt.
Gleichzeitig begegnet mir diese Natur dort überall – in ihrer Weite, Kraft und Unmittelbarkeit. Ich freute mich besonders am Wasser – dem Eintauchen, dem Loslassen, dem Ankommen. An dem Licht, das alles durchdringt, den langen Stränden, dem kräftigen Mee, den alten, wurzelreichen Bäumen entlang der Bushwalks, bei denen jeder Schritt Achtsamkeit verlangt – nicht zuletzt, um keine Schlange zu erschrecken (und nicht von ihnen erschreckt zu werden…🐍).
Und an besonderen Begegnungen 🐦: ein Kookaburra , dessen Ruf wie Lachen klingt, oder ein Rosella-Papagei, der farbenfroh in einem Ast sitzt und den Moment verzaubert.
Meine Schwester lebt dort an der Ostküste mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Ich habe dort Zeit mit ihnen verbracht, bin in ihren Alltag eingetaucht – und konnte auch selbst wieder landen, mit Haut und Sinnen in dieser kraftvollen Natur, die mich jedes Mal aufs Neue bewegt. Danach begab ich mich nach Westaustralien, um mich auf die Spuren von Dragon Dreaming zu machen.
Ein Mittagessen mit vielen Themen
In Fremantle, nahe Perth, Westaustralien, traf ich John Croft, den Mitbegründer von Dragon Dreaming, seine Partnerin Veronica, ihren Freund Tom Little – einen Aboriginal Elder – und dessen Partnerin. Beim gemeinsamen Mittagessen wurde schnell klar: Hier sitzen Menschen, denen das Wohl der Erde und der Menschen sehr am Herzen liegt. Die Gespräche waren offen, politisch, auch schmerzhaft.
John erzählte viele Geschichten über das Wissen der First Nations, das ihn seit Jahrzehnten fasziniert. Tom sprach über seine Frustration – darüber, wie wenig Gehör dieses Wissen oft findet. Ich spürte, dass da nicht nur Frust ist, sondern auch eine tiefe Sehnsucht, dass sich etwas verändert. 🌱
Fremantle – zwischen Geschichte und Gegenwart
Fremantle hat in mir viele Eindrücke hinterlassen. Ich habe in einer Jugendherberge gewohnt, die in einem ehemaligen Gefängnis liegt. Immer wieder stieß ich im Stadtbild auf Spuren der Vergangenheit: Denkmäler, die an inhaftierte Aboriginal People erinnerten, Tafeln, die vom Walfang erzählten.
Es war zunächst irritierend, an so vielen Stellen mit der schmerzhaften Geschichte Australiens konfrontiert zu sein. Und gleichzeitig spürte ich, wie wichtig es ist, dieses Leid nicht zu verschweigen. Dass es sichtbar bleibt. Ich empfand es als mutig, diese Erinnerung wachzuhalten – auch wenn sie unbequem ist.
Gleichzeitig fühlte ich mich in Fremantle sehr wohl. Der Ort hat für mich etwas Lebendiges, Offenes – mit ihren Buchläden, kleinen Galerien und einer Atmosphäre, die zugleich gemütlich und wach wirkt.
📚 Zwischen Bücherregalen und Fragen
In den Tagen, die ich allein in Fremantle verbrachte, zog es mich immer wieder in die Buchläden. Und dort fand ich etwas, das mir lange gefehlt hatte: 📖 Bücher, geschrieben von Menschen, die selbst zu den Völkern gehören, die den australischen Kontinent seit ca. 65.000 Jahren bewohnen.
Ich wollte ihre Stimmen hören – so direkt wie möglich. In meiner Arbeit mit Dragon Dreaming versuche ich, sensibel mit dem umzugehen, was in dieser Methode von den Weisheiten der First Nations inspiriert ist. Wenn ich mir nicht sicher bin, wie Begriffe oder Konzepte gemeint sind, verwende ich sie lieber nicht.
Aber ich glaube auch: Wenn wir Räume schaffen, in denen diese Stimmen gehört werden können, dann können sie uns berühren und inspirieren – und vielleicht auch zum Wohle des Planeten und der Menschheit wirken. Durch echtes Zuhören und ein Sich-Verändern-Lassen. 🌱
Für mich war das Finden dieser Bücher ein stiller Wendepunkt. Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt Zugang hatte – zu Stimmen, die mir ein tieferes Verständnis ermöglichen konnten. Ich hatte nicht das Gefühl, jetzt alle Antworten zu haben. Aber ich wusste: Allein für diesen Moment hatte sich die Reise nach Westaustralien schon gelohnt. Und dadurch konnte ich meine Reise entspannt fortsetzen – in Denmark, im Deco Ecovillage, auf dem Bibbulmun Track.
Zeit in Denmark
Von Fremantle fuhr ich weiter nach Denmark – ein kleiner Ort an der Südküste Westaustraliens. John Croft und Veronica hatten dort bis vor kurzem noch gelebt. Ich konnte im Gästehaus unterkommen, das Teil des Deco Ecovillage ist – einer Gemeinschaft, die mich herzlich aufnahm.
Ich erfuhr, dass Deco aus einer einfachen, aber kraftvollen Einsicht entstand: Paul, einer der Mitbegründer, erkannte, dass die Vision eines isolierten ländlichen Wohnens mit viel Landarbeit für ihn nicht wirklich einem nachhaltigen, glücklichen Leben in Gemeinschaft dient. Die aus dem Baustoff Hanf errichteten Häuser des Deco sind nahe am Stadtzentrum gelegen und so angeordnet, dass persönliche Begegnungen ganz organisch entstehen können. Gemeinschaft wird hier nicht organisiert, sie entsteht.
Paul und seine Partnerin Pam erzählten mir aus ihrem Leben. Beide sind eng mit der Non-Violence-Bewegung Westaustraliens verbunden – sie waren Teil davon. Paul war Mitgründer der Grünen Partei in Western Australia. Die Gedanken der Non-Violence-Bewegung flossen auch in Dragon Dreaming mit ein. Die früh verstorbene Ehefrau von John Croft, Vivienne Elanta, war Umweltaktivistin und tief mit diesen Ideen verbunden.
Im Deco hatte ich auch Zugang zu Johns umfangreicher Bibliothek – 📚 Bücher über Bücher, gesammelt, durchdrungen. Eine seiner großen Gaben ist es, all dieses Wissen miteinander zu verbinden, daraus Synthesen zu schaffen, neue Zusammenhänge zu weben. Neben dem Erzählen von Geschichten ist das vielleicht eine seiner Superkräfte.
Ein besonderes Erlebnis war für mich auch ein kurzer Abschnitt des Bibbulmun Tracks, den ich in Denmark laufen durfte – ein uralter Wanderweg, der durch den Süden Westaustraliens führt. Ich erinnerte mich an einen Moment während eines Dragon-Dreaming-Intensivkurses, in dem Tom Little in einem Videogespräch von dem Wort Bibbulmun sprach – der Bezeichnung der Noongar für ihr Volk.
Diesen Weg zu gehen, der tief mit der Geschichte dieses Landes verbunden ist, fühlte sich für mich still und besonders an – ein Weitergehen auf etwas, das schon lange vor mir da war.
📖 Zugang zu altem Wissen
Mein Zugangspunkt beim Stöbern durch die Buchläden waren die Kinderbücher. Sie benutzen nur wenige Worte – und scheinen dabei mehr zu sagen als hunderte.
Auch ein Buch für Erwachsene hat mich besonders gefreut: The Songlines – The Power and the Promise von Margo Neale und Lynne Kelly. Die beiden starteten darin im Jahr 2020 eine Reihe namens First Knowledges, die indigene Wissenssysteme zugänglich macht – und zeigt, wie sie heute, auch Menschen außerhalb dieser Kulturen, respektvoll verstehen und anwenden können.
Songlines, schreiben sie, sind fundamental für das Sein der First Nations:
„Songlines are a knowledge system, a library, an archive from which all subjects are derived.“ (S. 3)
Der Ansatz, zu schauen, wie wir First Nations Weisheiten integrieren können, hat mich sehr berührt. Denn genau das versucht auch Dragon Dreaming: Verschiedenes Wissen miteinander zu verbinden, um gemeinsames Lernen und Wandel möglich zu machen.
🌟 Eine neue Blogreihe entsteht
Auf den Impulsen und dem Verständnis, das mir dieses Buch vermittelt hat, basiert auch die kleine Blogreihe, die ich nun starten möchte. Darin greife ich einzelne Aspekte der Songlines auf – und schaue, wie sie im Kontext von Dragon Dreaming neue Perspektiven eröffnen können. Eine Einladung zum Lernen und Weiterdenken.
Geplant sind Beiträge zu Themen wie:
– das Erzählen und Erinnern von Geschichten,
– die Verbindung von Wissen mit konkreten physischen Orten,
– die Rolle von Singen und Musik,
– und der Ausdruck durch Kunst.
💬 Ein Satz, der bleibt
Ganz am Ende des Buches steht ein Satz, der mich berührt:
„We are here to teach you your stories, not just share ours. Without the deep stories you can’t take root – you will only ever be transplant.“
Ich lese ihn als Einladung. Und als Erinnerung, wie wichtig es ist, in Beziehung zu treten – zu den Geschichten, zum Land, zu dem, was uns alle verbindet.
🤝 Ich freue mich, wenn du mich auf dieser Reise weiter begleitest. In den nächsten Beiträgen möchte ich einzelne Elemente der Songlines näher betrachten – und erforschen, wie sie unsere Projekte und unser Miteinander inspirieren können.